Das Musterland Hamburg mustert ab!

Wer in Deutschland über Ganztagsschulen spricht, landet schnell bei Hamburg. Der Stadtstaat gilt seit Jahren als Vorreiter beim Ausbau ganztägiger Bildung und wird vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sogar als „Musterland“ bezeichnet. Hamburg nimmt bundesweit eine Spitzenposition ein und erfüllt bereits heute die Voraussetzungen für den ab dem Schuljahr 2026/2027 geltenden Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung.
Seit über 20 Jahren setzt Hamburg auf den flächendeckenden Ausbau von Ganztagsschulen. Der Rechtsanspruch ist seit dem Schuljahr 2012/13 flächendeckend umgesetzt und es wurde bisher gemeinschaftlich an der qualitativen Weiterentwicklung des Hamburger Ganztags gearbeitet. An Hamburger Ganztagsschulen arbeiten Lehrkräfte, Erzieher:innen, Sozialpädagog:innen, Therapeut:innen und externe Partner selbstverständlich in multiprofessionellen Teams zusammen und gestalten gemeinsam den Tag. Nicht nur Kinder mit Unterstützungsbedarf profitieren von dieser Zusammenarbeit – für alle Kinder sind gute Lern- und Lebensräume entstanden.
Heute sind alle Hamburger Grund- sowie weiterführenden Schulen selbstverständlich Ganztagsschulen. Mehr als 90 Prozent der Hamburger Grundschulkinder nutzen Ganztagsangebote und Schule ist längst zu mehr als ein Ort des Lernens geworden. Die Qualitätsentwicklung spielt eine zentrale Rolle. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht mehr darin, ausreichend Ganztagsplätze bereitzustellen. Entscheidend ist die Frage, wie Schule als ein „Zuhause für den Tag“ gestaltet werden kann.
Der Erfolg des Hamburger Ganztags war kein Zufall. Neben jahrelanger Planung und erheblichen Investitionen beruhte er auf einer inkrementellen Qualitätsentwicklung. Dies wurde in Hamburg daher nicht über Nacht erreicht, sondern über Jahre hinweg durch die kontinuierliche Weiterentwicklung bestehender Konzepte, die Anpassung an neue Herausforderungen und das Lernen aus Erfahrungen. Gerade diese Bereitschaft, Bewährtes immer wieder zu überprüfen und schrittweise zu verbessern, galt bisher als ein wesentlicher Erfolgsfaktor des Hamburger Modells.
Und jetzt? Die angespannte Haushaltslage zwingt nun auch Hamburg zu Einsparungen. Haben sich die Entscheidungsträger der Stadt jahrzehntelang mit dem Niveau und der Qualität der hiesigen Ganztagsschulen geschmückt, ging es in allen Gesprächen immer um sinnstiftende, umfassende, vielfältige Angebote und um eine bunte Ganztagsschullandschaft, scheint nun die bislang gepriesene Qualität der ganztägigen Beschulung nicht mehr wichtig und der Rotstift wird angesetzt.
Bereits die strengere Genehmigungspraxis bei Schulbegleitungen sorgt seit Bekanntwerden für Kritik, da sie dem Inklusionsgedanken zuwiderläuft. Nun kommen die Sparmaßnahmen hinzu, die den Hamburger Schulleitungen von Senatorin Bekeris persönlich vorgestellt wurden und die tief in das Wesen und die Organisation vieler Ganztagsschulen eingreifen.
Was ist konkret geplant? Bislang konnten Hamburger Grundschulen wählen, ob sie als Ganztagsschule mit einem externen Träger (GBS) oder als selbstverantwortete Ganztagsschule (GTS) ohne Träger arbeiten. Hört es sich zunächst gerecht an, dass nach den Plänen der Schulbehörde die GTS den GBS finanziell angeglichen werden sollen, ist dies faktisch aber eine deutliche Sparmaßnahme zu Lasten der GTS Grundschulen. Statt die GTS Grundschulen wie bisher zusätzlich mit Zuweisungen für Lehrkräfte auszustatten, soll nun massiv eingespart werden, indem flächendeckend nur noch tariflich günstigere Erzieher:innenstellen zugewiesen werden.
Im nächsten Schritt sorgt dieses Sparmodell dafür, dass die GTS viel schlechter dastehen bisher. Die teils über Jahre gewachsenen und entwickelten pädagogischen Konzepte des gebundenen Ganztags werden faktisch abgewickelt. Bewährte Organisationsstrukturen müssen aufgegeben bzw. angepasst werden, die sorgsam aufgebauten, multiprofessionellen Teams brechen weg, spezifische Angebote können nicht mehr aus dem Schulbudget bezahlt werden. Die GTS verlieren damit einen erheblichen Teil ihrer pädagogischen Eigenverantwortung sowie ihre schulische Prägung. Davon unmittelbar betroffen sind zunächst nicht weniger als 75 GTS Grundschulen in Hamburg. Die Zeit und die Ressourcen, die im kommenden Schuljahr aufgewendet werden müssen, um die Vorgaben der Schulbehörde umzusetzen, fehlen an anderer Stelle, z.B. bei Schulentwicklungsprojekten, Demokratieerziehung, Medienerziehung, BNE u.v.m.
Die angekündigten Einsparungen betreffen allem Anschein nach zur Zeit „nur“ die ca. 75 Grundschulen, die als Ganztagsschulen nach Rahmenkonzept (also ohne Träger) arbeiten. Weiterführende Schulen sowie GBS-Schulen bleiben außen vor. Das wirft neben der Frage nach der Fairness und der Ausgewogenheit der geplanten Maßnahmen auch die Frage auf, ob dies eventuell nur der Anfang ist. Warum sollte nur ein kleiner Teil der Hamburger Schulen (und zwar ausgerechnet der mit der - laut Studienlage - besten Reputation) die Last der Einsparungen alleine tragen?
Letztlich müssen wir die grundsätzliche Frage stellen, welche Priorität Bildung in Zeiten knapper öffentlicher Kassen haben sollte. Sparen kann notwendig sein. Ob jedoch ausgerechnet Einschnitte in einem Bereich, der entscheidend für die Zukunft von Kindern und Jugendlichen ist, der richtige Weg ist, darf bezweifelt werden. Kürzungen dieser Art und Weise im Bildungsbereich sind aus unserer Sicht nicht hinzunehmen. Wir fordern die Zuständigen auf, dieses Sparvorhaben zurückzunehmen, denn Bildungsgerechtigkeit und eine gut ausgebildete zukünftige Generation braucht Ressourcen.
Der Hamburger Landesverband des Ganztagsschulverbands e.V. ist gern bereit, sich mit seiner Fach- und Praxiskenntnis in Gespräche über die Zukunft des Hamburger Ganztags in Zeiten knapper kommunaler Kassen konstruktiv einzubringen.
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