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Schock feiert Jubiläum. Wir müssen aus PISA endlich lernen!

Leipzig, den 15.09.2026
Statement des Ganztagsschulverbands e. V. zu den Ergebnissen von PISA 2025

Vor 25 Jahren erschütterte der erste PISA-Schock Deutschland. Die Reaktion war gewaltig: Bildungsstandards wurden eingeführt, Förderung verstärkt und nicht zuletzt der Ausbau der Ganztagsschulen zu einem zentralen bildungspolitischen Projekt gemacht. Heute müssen wir feststellen: Der Schock feiert Jubiläum. Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler sind erneut auf einem Tiefstand. Besonders dramatisch ist der Rückgang beim Lesen; zugleich bleibt der Zusammen­hang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland außergewöhnlich stark.

Für den Ganztagsschulverband ist deshalb klar: Wir brauchen nicht einfach mehr Ganztag. Wir brauchen besseren Ganztag. Der Rechtsanspruch eröffnet die historische Chance, mehr Zeit für Bildung gerechter und wirksamer zu nutzen. Acht Konsequenzen sind jetzt entscheidend: 

  1. Ganztag muss Bildungszeit sein. Zusätzliche Stunden dürfen nicht auf Betreuung reduziert werden. Sie müssen Kindern zusätzliche Lern-, Erfahrungs- und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen – ohne den Nachmittag einfach mit mehr Unterricht zu füllen.
  2. Lesen muss durch den ganzen Tag gehen. PISA zeigt einen dramatischen Verlust an Lese­kompetenz und vertieftem Lesen. Ganztagsschulen brauchen deshalb Lesezeiten, Bibliotheken, Vorlesen, Buchclubs, kreatives Schreiben und eine Kultur, in der Kinder wieder erfahren, dass Lesen Freude machen kann.
  3. Förderung muss dort ankommen, wo sie gebraucht wird. In Deutschland liegen zwischen sozioökonomisch begünstigten und benachteiligten Jugendlichen in Naturwissenschaften 125 PISA-Punkte; 19 Prozent der Leistungsunterschiede werden durch den sozioökonomischen Status erklärt. Ganztag muss deshalb ein Instrument für mehr Bildungsgerechtigkeit werden. Schulen mit größeren Herausforderungen brauchen mehr Ressourcen und mehr qualifiziertes Personal. Das Startchancen-Programm ist hier ein Anfang, erreicht aber nicht alle Schulen, an denen die zusätzlichen Ressourcen nötig wären.
  4. Lernen gehört stärker in die Schule. Wenn Bildungserfolg weniger vom Elternhaus abhängen soll, dürfen Üben, Wiederholen und Aufgabenbearbeitung nicht überwiegend in die Familien ausgelagert werden. Professionell begleitete Lernzeiten müssen selbstverständlicher Bestand­teil guter Ganztagsschulen sein.
  5. Digitalisierung braucht Maß und pädagogische Orientierung. Digitale Geräte können Lernen unterstützen – Ablenkung schadet. In Deutschland berichten 33 Prozent der Jugendlichen von häufiger digitaler Ablenkung durch Mitschülerinnen und Mitschüler im Naturwissen­schaftsunterricht. Ganztag braucht deshalb neben guter Medienbildung ganz bewusst analoge Räume: Bewegung, Sport, Musik, Kunst, Handwerk, Natur, Spiel, Begegnung – und Lesen.
  6. KI-Kompetenz heißt: mit KI denken, nicht KI denken lassen. Die OECD warnt vor einer Nutzung, bei der digitale Werkzeuge Aufmerksamkeit, Anstrengung und eigenes Verstehen ersetzen. Ganztagsschulen können Freiräume schaffen, in denen junge Menschen KI aus­probieren, Ergebnisse hinterfragen, Quellen prüfen und lernen, digitale Werkzeuge selbst­bestimmt und kritisch zu nutzen.
  7. Bildung braucht Beziehung, Motivation und Selbstwirksamkeit. PISA misst längst mehr als Fachleistungen. Neugier, Beharrlichkeit, Zugehörigkeit und Lernengagement sind ent­scheidende Voraussetzungen erfolgreichen Lernens. Genau hier liegt eine besondere Stärke des Ganztags: Projekte, Kultur, Sport, soziales Engagement und gemeinsame Aktivitäten ermöglichen Erfolgserfahrungen jenseits von Noten und Unterricht.
  8. Qualität muss vor Quantität stehen. Der Rechtsanspruch darf nicht zu einem gigantischen Betreuungsprogramm werden. Entscheidend ist nicht, wie viele Stunden ein Kind in der Schule verbringt. Entscheidend ist, was es in dieser Zeit erlebt, lernt und mitgestalten kann.

PISA 2025 ist deshalb für uns keine Aufforderung, den Schultag einfach zu verlängern. Es ist die Aufforderung, Schule neu zu denken. Der Ganztag bietet dafür Möglichkeiten, die der klassische Vormittagsunterricht allein nicht hat: Zeit für individuelle Förderung und gemeinsames Lernen, für Bewegung und Kreativität, für vertieftes Lesen, für Beziehungen, Beteiligung und die Erfahrung eigener Wirksamkeit.

Vor 25 Jahren war der Ausbau des Ganztags eine Antwort auf den ersten PISA-Schock. Heute müssen wir dafür sorgen, dass aus mehr Ganztag endlich besserer Ganztag wird. Dieses Ziel darf durch Sparmaßnahmen keinesfalls gefährdet werden. Denn mehr Zeit allein verändert noch keine Bildung. Entscheidend ist, was wir aus ihr machen.

Leipzig, den 15. September 2026

Ganztagsschulverband e. V.

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Ort: Kiel

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